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GENF

«Interessen der jüdischen Gemeinschaft wahren»

Yves Kugelmann, 17. März 2017
Seit einem Jahr ist Philippe A. Grumbach Präsident der Israelitischen Gemeinde in Genf, er spricht über die Vielfalt der Genfer Jüdischkeit und Antisemitismus.
Philippe A. Grumbach ist der Ansicht, dass die Juden in der Schweiz privilegiert und sehr gut integriert sind.

tachles: Die Communauté israélite de Genève (CIG) ist eine Gemeinde mit einer sephardischen Mehrheit und einer aschkenasischen Minderheit. Ist ihr Präsident demnach ein Vertreter der Minderheit?

Philippe A. Grumbach: Zuerst muss ich sagen, dass ich sehr stolz darauf bin, der CIG vorzustehen, die ja als erste Gemeinde in Genf und nach Zürich als zweite in der Schweiz entstand. Und ich bin nicht rein aschkenasisch: In der Familie meiner Mutter gab es auch einen sephardischen Zweig. Zählen tut doch aber, dass wir alle, ob sephardisch oder aschkenasisch, jüdisch sind, eine Einheit, die Interessen der jüdischen Gemeinschaft wahren.

Die zwei Gruppen in Genf sind sich aber stets in den Haaren gelegen.

Heute spürt man keinen Unterschied. Leider sind unterdessen viele grosse aschkenasische Familien in der Synagoge weniger präsent; dank den sephardischen Familien lebt der Genfer Judaismus, sind mehrere Synagogen das ganze Jahr über gut besucht. Die aschkenasische Synagoge Beth Yakoov, die schönste in Genf, ist klar weniger voll. Die Aschkenasim gehen eher an den hohen Feiertagen dorthin, sonst sieht man sie weniger. Die CIG aber vereint verschiedene Kulturen in sich. Die von unseren Rabbinern in den Synagogen praktizierten Riten erlauben es, die Genfer Juden weitgehend zusammenzuhalten.

Auch unter den verschiedenen sephardischen Gruppen gibt es Zwiste. Kompliziert das die Ausübung Ihres Amtes?

Ich sehe ausser Differenzen bezüglich des Ritus keine Zwiste zwischen sephardischen Gruppen. Der Vorstand der CIG widerspiegelt die Mitglieder, ist der Erbe der praktizierten Gemeinde- und Familientraditionen, und dies in aller Harmonie und im Respekt vor den anderen. Für uns ist die Einheit der Genfer Juden das Wichtigste. Wir müssen solidarisch sein; persönliche Streitereien haben in der Gemeinde keinen Platz. Einheit ist mehr denn je eine Pflicht.

Sie sind eine in der ganzen Schweiz bekannte Persönlichkeit. Ist da die Gemeindearbeit nicht ein kleiner Rückschritt, und warum haben Sie Ihr politisches Engagement eingestellt?

Das habe ich nicht getan, ich bin ja immer noch Mitglied des CICAD-Vorstands und als solches in den Aktivitäten gegen Holocaust-Leugner aktiv. Das bleibt ein sowohl politisches wie Gemeinde-Engagement. Und das Präsidium der CIG ist auch ein politisches Engagement, zum Beispiel wenn wir gegen einen Gesetzesentwurf zur Laizität ankämpfen.

Und wie kämpfen Sie gegen die Assimilierung an?

Indem wir unsere Glaubensbrüder dazu ermuntern, sich der CIG anzunähern und Mitglieder zu werden, damit wir ihnen unsere zahlreichen Leistungen anbieten können – etwa den Besuch des Kindergartens für die Kleinsten, des Talmud Thora für die Grösseren und der verschiedenen Synagogen für alle. Und diese Liste ist bei weitem nicht abschliessend.

Wie stehen Sie als Kämpfer für die Menschenrechte den gemischt-religiösen Ehen gegenüber?

Unsere Verantwortung liegt in der Fortführung der jüdischen Tradition unter striktem Respekt der halachischen Regeln.

Sollten nach Ihrer Auffassung gemischte Ehepaare in der CIG integriert werden?

Unsere Politik ist, alle willkommen zu heissen, die an unseren Anlässen oder Veranstaltungen teilnehmen möchten, sei es in der Synagoge oder im Gemeindezentrum. Das war schon immer so.

Glauben Sie, dass Kinder aus gemischten Ehen die jüdische Schule besuchen können sollten?

Sofern die Konversion der Mutter im Gang und auch wenn sie allenfalls noch nicht abgeschlossen ist, werden solche Kinder selbstverständlich akzeptiert.

Chabad kann eine Herausforderung für eine Gemeinde sein, die Einheit anstrebt. Wie reagieren Sie auf diese manchmal eher asymmetrische Situation?

Ich sehe da keine Schwierigkeiten. Die jüdische Gemeinschaft Genfs ist ganz unterschiedlich; die Gemeinden und Institutionen, aus denen sie besteht, richten sich an den gewünschten Praktiken der darin aktiven Juden aus. Deshalb macht ein Gefühl der Konkurrenz keinen Sinn. Es liegt an der CIG, für ihre Mitglieder professionell und effizient zu sein. Chabad Genf, den ich gut kenne, bringt der jüdischen Welt dieser Stadt viel. Ich sehe ihn als Ergänzung.

Auch wenn die beiden Schulen leiden?

Ich betrachte es als Chance, über mehrere Kindergärten und Schulen zu verfügen – das ist doch ein Privileg! Der Gan der CIG, der dieses Jahr seinen 45. Geburtstag feiert, funktioniert sehr gut. Wir haben dieses Jahr 120 Kinder, was ein tolles Resultat ist. Ich kann nur jede Familie dazu ermuntern, unseren Kindergarten zu wählen, der über ein hervorragendes Team unter Leitung einer sehr befähigten Direktorin verfügt. Als Präsident bin ich stolz, einen Gan zu haben, der von den Eltern Jahr für Jahr für seine Exzellenz gerühmt wird. Wenn Chabad auch einen Kindergarten hat, ist das doch gut, weil es eine Auswahl ermöglicht.

Dann täuscht der Eindruck, dass diese Situation für beide Schulen finanzielle Sorgen verursacht?

Die Lage bei Chabad ist mir nicht bekannt, aber der CIG-Gan braucht natürlich Mittel, um funktionieren, für die Sicherheit sorgen und seine Infrastruktur verbessern zu können.

Nach Zürich ist die CIG die grösste Mitgliedsgemeinde des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). Was für eine Strategie haben Sie für das nationale Parkett? Was sind Ihre Ziele im SIG?

Der SIG hat aus meiner Sicht eine sehr grosse Rolle zu spielen, sowohl politisch wie als Vertretung auf Bundesebene. Ich bedaure, dass die liberalen Gemeinden vor einigen Jahren nicht aufgenommen wurden, aber zumindest scheint sich die Zusammenarbeit zwischen ihrer Plattform und dem SIG in einem konstruktiven und positiven Dialog fruchtbar zu gestalten. Wir wären aber klar stärker, wenn sämtliche Gemeinden der Schweiz Mitglieder des SIG wären. Wir müssen heute als Schweizer Judentum gemeinsamen Herausforderungen begegnen. Der SIG muss Lobbyarbeit betreiben und aktiv sein, um gewisse Dinge zu ändern.

Sie würden also gerne auf die Entscheidung von 2004 bezüglich Aufnahme der liberalen Gemeinden zurückkommen und den SIG in einer vermehrt politischen Manier handeln sehen?

Absolut, absolut. Ich meine, dass der SIG bei Anliegen an den Bundesrat viel stärker wäre, wenn er die jüdischen Gemeinden der Schweiz vollumfänglich vertreten könnte.

In punkto Religionsfreiheit haben wir einige gemeinsame Interessen mit den Schweizer Muslimen. Wären sie gute Verbündete in der Bearbeitung dieser nationalen politischen Dossiers?

Ich bin für den Dialog mit den muslimischen Verbänden, das ist sehr wichtig. Aber die Frage ist: mit welchem Ansprechpartner? In Genf hat sich Hani Ramadan selbst zum Präsidenten der Muslime ernannt, und mit ihm kann man nicht diskutieren, weil er nicht repräsentativ ist. Aber er ist sehr aktiv, und da liegt das Problem zumindest in der Romandie. Die Schweizer jüdischen und muslimischen Glaubens hätten jedes Interesse, bei gemeinsamen Anliegen zusammenzuarbeiten, etwa bei Kaschrut und Halalfleisch oder Friedhöfen. Auch denke ich, dass wir aufpassen müssen, nicht islamistische Fundamentalisten und muslimische Gemeinden der Schweiz in denselben Topf zu werfen; mit letzteren haben wir ja keine Probleme. Man darf hier nicht Leute vermischen, die nichts miteinander zu tun haben!

Verspüren Sie in der letzten Zeit vermehrt Spannungen zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden in Genf?

Nein, es gibt keine besonderen Spannungen. Diese sind in gewissen Ländern vorhanden, aber die Muslime in der Schweiz oder in Genf sind davon nicht betroffen.

Was halten Sie von der neu aufgekommenen Debatte zu den Sicherheitskosten der jüdischen Gemeinden und eine allfällige finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand?

Sicherheit ist eine Obsession und gleichzeitig eine Pflicht gegenüber unseren Mitgliedern. In der CIG haben wir sie für den Gan und die Gemeindegebäude bereits verstärkt. Die Sicherheit speziell unserer Kinder ist eine Priorität, und wir meinen, dass der Staat sich an den finanziellen Aufwendungen und der Gebäudesicherheit beteiligen sollte. Wir sind Schweizer Bürger wie andere auch, wir zahlen Steuern wie alle anderen Bürger. Wir verstehen nicht, weshalb wir von Genf keine staatliche Unterstützung zur Bewältigung der sehr, sehr teuren Sicherheitsmassnahmen erhalten können. Ich habe als Vertreter der Coordination intercommunautaire contre l'antisémitisme et la diffamation (CICAD) sehr lange in diesem Sinne einzuwirken versucht, auch wenn gewisse nationale jüdische Institutionen dies als chancenloses Unternehmen betrachtet haben. Ich bin aber froh, dass unser Vorhaben mittlerweile auch jenseits des Röschtigrabens zu überzeugen vermochte.

Bislang hat offenbar keine andere religiöse Gemeinschaft staatliche Hilfe bei der Sicherheit beantragt. Wenn sie den Juden gewährt würde, müsste sie dann nicht auch allen anderen gegeben werden?

Die jüdischen Gemeinden haben ja noch nichts erreicht. In Zürich, Basel oder Genf sind die Bedürfnisse und Aufgaben die gleichen, und wir meinen, dass überall in der Schweiz der Bund und die Kantone sich finanziell an der Sicherheit der jüdischen Gemeinden beteiligen müssten. Im Moment ist das nicht der Fall, und das Thema verursacht Unzufriedenheit und Sorge.

Wie schätzen Sie den Antisemitismus in der Romandie und in Genf ein?

Wir beobachten mehr davon als noch vor zehn Jahren. Er tritt auch in der Form des Antizionismus in Erscheinung, ohne deswegen seine anderen Gesichter verloren zu haben. Die CIG und die anderen Gemeinden der Romandie haben sich in der CICAD zusammengetan, weil sie sich der Notwendigkeit bewusst sind, Stärke zu zeigen. Man muss entschlossen vorgehen; die CICAD hat in den Kantonen Wallis, Waadt und Genf mehrere Gerichtsverfahren angestrengt. Auch die BDS-Kampagne muss unnachgiebig bekämpft werden. Auch wenn man sich im Dialog engagiert, obliegt es den Gemeinden und der CICAD, Initiativen zu ergreifen.

Sind Sie beunruhigt?

Wir sind wohl besorgt, aber der Antisemitismus hat immer existiert und wird weder morgen noch übermorgen verschwinden. Wir verfolgen unsere Dossiers und sind wachsam, aber die gewalttätigen Konsequenzen des Antisemitismus machen uns ganz speziell Sorgen. Die Sicherheit unserer Mitglieder und Gläubigen sind eine Priorität. Ich muss zugeben, dass wir Glück haben, in der Schweiz zu leben, einem Land, das nicht mit den Tragödien anderer europäischer Länder konfrontiert wurde.

 

Besteht das Risiko physischer Gewalt?

Unser Grossrabbiner wurde vor ein paar Monaten von ein paar Individuen bedroht, und er hat auch Drohbriefe erhalten. Wir arbeiten diesbezüglich mit der Genfer Polizei zusammen. Wir bleiben, was Sicherheitsfragen anbelangt, sehr wachsam.

Genf ist eine internationale Drehscheibe, insbesondere im Zusammenhang mit Menschenrechten. Als CIG-Präsident sind Sie sicher in solche Diskussionen involviert.

Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen hat jegliche Glaubwürdigkeit verloren, weil Israel das einzige Land ist, das sie automatisch jedes Jahr verurteilt. Es ist klar, dass uns die systematische Delegitimierung des Staates Israel betroffen macht. Glücklicherweise gibt es in Genf die Organisation UN Watch, die bei der Uno eine bemerkenswerte Arbeit macht, um der Stimme Israels Gehör zu verschaffen. Aber auf die Debatten, die sich in unserer Stadt im Rahmen der Menschenrechtskommission abspielen, sind wir nicht stolz.

In den letzten Jahren besuchen mehr und mehr arabische Touristen Genf. Hat das Auswirkungen auf die Juden der Stadt?

Diese Touristen und ihr wirtschaftlicher Beitrag an unsere Stadt sind uns willkommen. Wir haben keine Probleme mit ihnen. Es sind ja Touristen, deren Aktivitäten weder die gute Ordnung noch die Gepflogenheiten oder Traditionen unserer schönen Stadt beeinträchtigen.

Gegenwärtig feiern die Schweizer Juden 150 Jahre ihrer Emanzipation. Sind wir tatsächlich vollumfänglich emanzipiert? Und was wären Ihre Wünsche für die Zukunft?

Das Wort Emanzipation fasst Jahrhunderte des Kampfs um die Gleichheit zusammen. Aber dies ist ein immerwährender Kampf, und wir sind es uns angesichts der andauernden Schwierigkeiten schuldig, Wachsamkeit zu beweisen. Denn es gibt Dinge, die nicht angehen. So ist etwa das Schächtverbot in der Schweiz eine antisemitische Massnahme, auch wenn es durch das Tierschutzgesetz zur Gültigkeit kam. Auch die Debatte um die Laizität im Kanton Genf beunruhigt uns. Es gibt jetzt ein Vorhaben, das den Juden das Tragen der Kippa, den Muslimas des Schleiers, den Katholiken eines auffälligen Kreuzes in der Öffentlichkeit verbieten will. Wir kämpfen dagegen, dass dieser Plan durchkommt. Aber andererseits leben wir in einem Land, in dem wir unsere Jüdischkeit ohne Probleme praktizieren können. Es gibt den Respekt gegenüber sprachlichen und religiösen Minderheiten. Ich glaube, dass die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz sehr privilegiert und sehr gut integriert ist – dafür steht beispielhaft alt Bundespräsidentin Ruth Dreifuss. 

 

 

 

 





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