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WIEN

Kanzler lobt Widerstand der Eisenbahner gegen Nazis

16. Februar 2017
Stellungsnahme an Ausstellung an Tel Aviv Universität.

Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern lobte Mitarbeiter der Österreichischen Bundesbahnen (BBO) für deren, wie er es formulierte, übermässigen Widerstand gegen den Nazismus während des Holocausts. Kerns Komplimente für die Partisanen der BBO erschien in einer Verlautbarung an einer im vergangenen Monat in der Tel Aviv Universität eröffneten Ausstellung über die Rolle der Firma während des Holocausts. Kern schrieb den Text in den zwei Jahren bis 2016, in denen er Vorsitzender des Eisenbahnvorstands war. BBO-Angestellte seien «direkt in die Deportationen» verwickelt gewesen, schrieb der Kanzler, womit sie zum Holocaust beigetragen hätten. Eine «substantielle Anzahl der Eisenbahnmänner» sei aber in den «Widerstand gegen den Nationalsozialismus» engagiert gewesen, und dies ungeachtet der überwältigenden politischen Untersuchung und Überwachung. Die von der OBB, der Rechtsnachfolgerin der BBO, gesponserte Ausstellung, wurde im vergangenen Monat erstmals in Israel eröffnet und enthält originale Nazi-Dokumente, die auf die relative Verbreitung des Widerstands unter österreichischen Eisenbahnarbeitern im Vergleich zur Situation in Deutschland hinweisen. Gemäss einem Bericht des Reichs-Sicherheitshauptquartiers aus dem Jahr 1941 spielte die 1938 in die deutsche Eisenbahn integrierte österreichische Bahn eine «relativ grosse Rolle hinsichtlich der Akte krimineller Sabotage seit 1939.» Ausländischen Geheimdiensten und österreichischen Widerstandsgruppen sei es gelungen, Sabotagezentren zu errichten. Einigen Österreichern sind diese bisher wenig bekannten Dokumente wichtig, weil sie einer in- und ausserhalb Österreich weit verbreiteten Ansicht zu widersprechen scheinen, wonach die österreichischen Behörden sich nur allzu gerne nach dem Anschluss von 1938 in Deutschland integriert hätten. In einer Verlautbarung über die Ausstellung mit dem Titel «Die unterdrückten Jahre – Eisenbahn und Nationalsozialismus in Österreich 1938-1945» betonte Oskar Deutsch, Präsident der jüdischen Gemeinde von Wien, das die BBO eine «zentrale Rolle» bei der Tragödie der Schoa gespielt habe, einschliesslich der Deportationen in die Ghettos und Todeslager. Gleichzeitig wies Deutsch aber auf den «kontinuierlichen und organisierten Widerstand gegen die Nazi-Diktatur» hin, der aus verschiedenen Gruppen von Eisenbahnangestellten bestanden habe. 1948 wurden über 29300 BBO-Angestellte für nicht schuldig des Begehens irgendwelcher Verbrechen befunden, während 6500 fürschuldig befunden worden sind, illegale Befehle ausgeführt zu haben. – Die Nazis verurteilten 154 Eisenbahnarbeiter für ihren Widerstand. 135 von ihnen starben in Konzentrationslagern oder im Gefängnis. Weitere 1438 wurden zu Aufenthalten in KZs oder Gefängnissen verurteilt. [TA]





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