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TEL AVIV

Premier Netanyahus One-Man-Show

10. August 2017
3000 Anhänger an der Bibi-Solidaritätsdemo.
Die Solidaritätsbekundung in Tel Aviv.

Emotionen und Antipathien gegen alles,  sich links von der politischen Mitte Befindliche, vor allem der Medien, trugen am Mittwochabend die Stimmung an der Solidaritätskundgebung für den immer näher an eine polizeiliche Anklageempfehlung wegen Korruption rückenden israelischen Regierungschef Binyamin Netanyahu. Der Saal auf dem Tel Aviver Messegelände war mit rund 3000 Personen praktisch  bis auf den letzten Platz gefüllt. Koalitionsführer David Bitan (Likud), der den Anlass innert weniger Tage aus dem Boden gestampft hat – die Kosten sollen sich auf 500000 Schekel belaufen haben -, darf mit dem Ergebnis zufrieden sein, zumindest was die Stimmung betrifft, die Unité de doctrine, die den Geist einer geeinten Grossfamilie schuf und hochleben liess. Aber sonst? In der Sache selbst muss wohl zugegeben werden, dass ausser Spesen nichts gewesen ist. Netanyahu verzichtete wohl auf Attacken gegen die Polizei oder den General-Staatsanwalt, er verzichtete aber auch auf den leisesten Versuch, sich sachlich reinzuwaschen von den gegen ihn (und seine ebenfalls anwesend gewesene Gattin Sara) laut gewordenen Vorwürfe finanzieller Unregelmässigkeiten in den verschiedensten Fällen. Keinesfalls hingegen verzichtete der Premier auf das ihm seit Jahren lieb gewordene Steckenpferd: Auf die unablässige, harsche Kritik an «den» Medien und «den» Linken. Diesen beiden Gruppierungen warf er nicht mehr und nicht weniger vor, als ihn durch Untersuchungen aus der Politik des Landes werfen zu wollen, nachdem sie dies an der Wahlurne nicht zu tun vermögen. Netanyahu sprach auch von einer «obsessiven Hexenjagd» gegen ihn und seine Familie, gelangte aber unter frenetischem Applaus zum Schluss, dass der Likud unter seiner Führung noch «viele Jahre lang» am Ruder der Macht bleiben werde, denn schliesslich habe der Likud unter ihm den Staat und seine Einwohner dortin gebracht, wo sie sich heute befänden. Überflüssig zu unterstreichen, dass Netanyahu das positiv verstanden wissen wollte. Der Premierminister liess sich auch die Gelegenheit nicht entgehen, zusammen mit der begeisterten Menge seinen Lieblingsslogan zu skandieren: «Da wird nichts sein, denn da war auch nichts.» Ob das so stimmt, wird wahrscheinlich die Gretchenfrage in der ganzen Sache sein, und diese Frage wird Netanyahu  wohl nur zum Teil selber beantworten können. [JU]





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