Frage nach der jüdischen Identität

Edi Goetschel, 15. Juni 2012
Die Zürcher Künstlerin Marina Belobrovaja befragte 45 Personen, was für sie das «Jüdisch-Sein» ausmache und bedeute. Entstanden sind die Publikation und Videoinstallation «The DNA Project».
«Bin ich jüdisch?» Die Künstlerin Marina Belobrovaja sucht nach Antworten

Den Anstoss für die Publikation und die Videoinstallation «The DNA Project» gab der in Zürich lebenden Künstlerin Marina Belobrovaja die Einladung zur Teilnahme an der Ausstellung «Ein gewisses jüdisches Etwas», die das Jüdische Museum Hohenems 2010/2011 zeigte, und die Gen-Tests der Schweizer Firma 
i-Genea. Ein Name, in dem bedeutungsvoll «Gen» und «Genealogie» sowie die Eigenschaften «eigen» und «genial» mitklingen.

Ein Spiel?

Die Tests versprechen, eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage «Bin ich jüdisch?» zu geben. Eine Hightech-Spielerei, mit der sich ein Stück eigene Geschichte kaufen lässt, und die gleichzeitig in die Menschheitsgeschichte einreiht, beglaubigt durch ein mehr oder weniger dekoratives Zertifikat. Eine Art rückwärtsgerichtetes Horoskop, letztlich jedenfalls genauso unzuverlässig wie der Blick in die Zukunft.

Als Spiel verstanden werden kann auch «The DNA Project», mit dem Marina Belobrvaja die Frage, was «Jüdisch-Sein» ausmache und bedeute, zur Diskussion stellt: Jeder Gesprächsteilnehmer und jede Gesprächsteilnehmerin, jüdische und solche, die mit dem Judentum in einer besonderen Beziehung stehen, kommentiert die Videoaufzeichnung und den Kommentar des vorhergehenden Gesprächsteilnehmers oder der vorhergehenden Gesprächsteilnehmerin. Zur Sprache kommen dabei alle «jüdischen» Themen: Herkunft und Geschichte, Volk und Religion, Orthodoxie, Assimilation, Israel und Palästina, Zionismus und Antisemitismus, Diaspora, Emigration und Einwanderung, Auserwähltheit und Minderheitserfahrung, Gemeindeleben, Giur und Beschneidung, Physionomie und Begabung und
Intelligenz, Tradition und Kultur.

Eine DNA-Kette

Mit Marina Belobrovajas Projekt wird die DNA-Kette gewissermassen unter die Lupe genommen. Anstelle von biologischen Eigenschaften werden logische Inhalte und die sich daraus ergebenden Lebensformen erklärt.

Dabei werden aber auch fast notorisch die Ansichten der vorhergehenden Person in Frage gestellt oder zumindest relativiert und präzisiert. Es scheint, dass allein schon das auf Widerspruch angelegte Denken, der Diskurs des Differenzierens, etwas ausgesprochen «Jüdisches» sei. Was sowohl als Ausdruck eines selbstbewussten eigenen Standpunkts verstanden werden kann als auch von Vielfalt. Dazu bemerkt etwa die Autorin Katarina Holländer als Teilnehmerin des Projekts: «Eine der Sachen, die ich am Judentum besonders schätze, ist gerade die Tatsache, dass sich so viele Formen entwickelt haben, die nebeneinander als jüdisch aufgefasst
werden können.»

Insgesamt enthält die Publikation auf jeweils einer Doppelseite die Aufzeichnungen der Kommentare von 45 Personen (sowohl auf Deutsch wie auf Englisch). Aus biografischen Gründen beschränkte sich Marina Belobrovaja bei ihrer Auswahl auf die Ukraine, Russland, Israel, Deutschland und die Schweiz. Wobei der Ausschnitt aus einer unendlichen Diskussion den Leser und die Leserin selbst zum Teil des Projekts macht. Denn Zustimmung ist den Texten ebenso gewiss wie immer wieder Widerspruch. Spätestens beim Wortspiel im letzten Satz des letzten Gesprächs der Publikation: «I'm not a human, I'm a jewman!»

Marina Belobrovaja: The DNA Project. Bucher Verlag, Hohenems 2012