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JERUSALEM

Weder Netanyahu noch Abbas wollen Religionskrieg

16. Juli 2017
Die tödliche Attacke auf zwei israelische Polizisten auf dem Jerusalemer Tempelberg und dessen Schliessung für das Freitagsgebet, ziehen nun Massnahmen nach sich.

Wahrscheinlich sind die bedrohlich negativen Reaktionen aus der arabischen Welt auf die Schliessung des Jerusalemer Tempelbergs nach dem Terroranschlag vom Freitag Premierminister Netanyahu stärker unter die Haut gegangen als er es offiziell zugibt. Noch vor seinem Abflug zu Besuchen in Paris und Budapest gab er jedenfalls nach telefonischen Konsultationen mit den Spitzen von Polizei und Geheimdiensten die Anweisung, die erstmals seit 1969 in dieser rigorosen Form durchgeführte Schliessung des zwei Weltreligionen heiligen Berges ab Sonntagmittag schrittweise für Gläubige, Israeli und Touristen aufzuheben. An den Eingängen zum Tempelberg wurden allerdings Metalldetektoren angebracht, und ausserhalb der Stätte sollten Überwachungskameras in Funktion treten. Zudem wurden weitere, konkret nicht genannte Sicherheitsvorkehrungen in Aussicht gestellt.

Der von der fundamentalistischen Hamas-Bewegung angeführte Chor arabischer und palästinensischer Extremisten – auch arabische Knessetabgeordnete liessen ihre Stimme in dieser unheiligen Allianz verlaute -, die Situation zu missbrauchen, um das Feuer der Konfrontation in Jerusalem, den Tempelberg eingeschlossen, zu schüren, schreckte offensichtlich auch andere direkt oder indirekt Beteiligte auf. So brachte die US-Administration ihre ausdrückliche Zustimmung zur zeitweisen Schliessung des Tempelbergs zum Ausdruck, während der jordanische König Abdullah I, in einem Telefongespräch mit Netanyahu am Wochenende einerseits das von drei Israel-Arabern aus Umm el-Fahm verübte Attentat verurteilte, andererseits die Aufhebung der Schliessung des Berges verlangte. Dem jordanischen Monarchen war offensichtlich nicht bekannt, dass Netanyahu zum Zeitpunkt ihres Gesprächs einen entsprechenden Beschluss bereits gefasst hatte. Auf seinen Befehl hin wurden auch die traditionellen Trauerzelte, die in Umm el-Fahm zum Andenken an die Terroristen der Familie Jabarin errichtet worden waren, noch am Samstag wieder abgetragen.

Die für die hoffentliche Beruhigung der Lage sind aber zweifelsohne in den Kontakten zwischen Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und Premier Netanyahu zu sehen. Das von Abbas initiierte Telefongespräch war das erste seit über einem Jahr, das er mit Netanyahu führte. Die Verurteilung des Anschlags durch Abbas (er veröffetlichte im Gegensatz zu sonst auch eine arabische Version des Textes) dürfte dabei Netanyahu die verdiente seelische Beruhigung erteilt haben, während Abbas die schrittweise Wiedereröffnung des Tempelbergs als Resultat seiner Unterhaltung mit dem israelischen Premier interpretieren darf. Viel wichtiger aber ist, dass die beiden Staatsmänner dieses Mal hoffentlich effektiv eingesehen haben, dass in Notlagen wie der seit den Schüssen vom Freitag herrschenden, die Direktkontakte der einzige Weg sind, im eine dritte Intifada in der Westbank zu vemeiden. Der vorliegende Fall birgt sogar das Potential für den Ausbruch eines Religionskrieg im Nahen Osten in sich. Das war offensichtlich sowohl in Ramallah als auch in Jerusalem klar. Das führte dazu, dass die beiden Staatsmänner auf das sonst übliche Prozeder der gegenseitigen Beschuldigungen verzichteten sondern dem Vernehmen nach gleich zu den möglichen praktischen Schritten der Beruhigung der Situation übergingen. Das veranlasste den in der Region weilenden Jason Greenblatt, Gesandter von US-Präsidenten Trump für den Friedensprozess, sowohl Netanyahu als auch Abbas mit Komplimenten zu überhäufen. Auch wenn es derzeit noch fast utopisch anmutet, darf doch die Hoffnung geäussert werden, dass die beiden drusisch-israelischen Polizisten (Netanyahu: Unsere Helden) auf dem Tempelberg, der heiligsten Stätte des Judentums und der drittheiligsten Stätte des Islams. nicht vergebens im Kugelhagel der Terroristen gestorben sind. Wir dürfen aber das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Trotz des Schreckens und der Abscheu über das Geschehen sind auch die gemässigten Kreise in der arabischen Welt noch sehr weit weg von einer wirklichen Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Ganz zu schweigen von der unter den rechts-nationalen Israeli herrschenden Stimmung. Dort hätte man sicher lieber die üblichen israelisch-kritischen Litaneien im Palästinenserlager gehört, die dann wiederum den Leuten um Bildungsminister Naftali Bennett Gelegenheit geboten hätten, Netanyahu mit Maximalforderungen an die Wand zu drücken. Jacques Ungar





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